Objective approach to energy debate urgently needed: Strangulation strategy endangers German energy position
16.7.2010
Eröffnungsansprache
Dr. Gert Maichel
Präsident des Deutschen Atomforums
Jahrestagung Kerntechnik 2003
"Akzeptanz - Schlüssel zum Erfolg"
20.05.2003, Berlin
1.Einleitung
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich heiße Sie hier in Berlin zu der diesjährigen Jahrestagung Kerntechnik recht herzlich willkommen. Besonders begrüßen möchte ich Herrn Staatssekretär Adamowitsch, der heute in Vertretung für den Bundesminister Clement zu uns sprechen wird. Herr Clement musste auf Grund einer anderen schon vor unserer Einladung eingegangenen Verpflichtung von dem Termin Abstand nehmen.
Gleich zu Beginn möchte ich mich bei allen bedanken, die diese Tagung ermöglicht haben. Dabei spanne ich den Bogen von der Tagungs- und Organisationsleitung über den Programmausschuss unter Leitung des neuen KTG-Vorsitzenden, Herrn Dr. Güldner, bis zu den hinter der Tagung stehenden Organisationen des Deutschen Atomforums sowie der Kerntechnischen Gesellschaft. Dank gilt selbstverständlich auch den Referenten, die mit ihren Beiträgen den Inhalt der Tagung prägen und natürlich auch Ihnen, meine Damen und Herren, die sie durch ihre zahlreiche Teilnahme den Stellenwert und auch die Bedeutung dieser Tagung unterstreichen. Wiederum sind dieses Jahr rund 1.000 Teilnehmer für die drei Tage angemeldet. Dies ist ein eindeutiger Beleg dafür, dass die kerntechnische Industrie weiterhin einen hohen Stellenwert besitzt.
2. Akzeptanz - Schlüssel zum Erfolg
Die diesjährige Jahrestagung Kerntechnik steht erstmalig unter einem Motto, dass selbstverständlich auch das Plenarprogramm des heutigen Tages bestimmt und sich wie ein roter Faden durch den gesamten Tag zieht:
"Akzeptanz - Schlüssel zum Erfolg."
Sie werden mit mir übereinstimmen, dass diese Aussage sicherlich für viele Teile unseres täglichen Lebens gilt. Ohne Akzeptanz oder Unterstützung hat kein Anliegen, kein Projekt im privaten, geschäftlichen oder politischen Umfeld Erfolgsaussicht auf Realisierung. Um Akzeptanz zu erlangen, sind zwei Dinge erforderlich bzw. müssen geleistet werden. Akzeptanz setzt voraus, dass die Entscheidungen auf wahren Fakten basieren, transparent und nachvollziehbar sind. Andernfalls wird die Akzeptanz nur von kurzer Dauer sein und dann in eine massiv ablehnende Haltung umschlagen. Die Vermittlung von Fakten alleine reicht jedoch nicht aus.
Um mit der Nachweisführung der Mathematiker zu sprechen: Wahre Fakten sind zur Erreichung von Akzeptanz notwendig, aber nicht hinreichend. Das hinreichende Kriterium für die Akzeptanz in die Kernenergie ist Vertrauen. Vertrauen in die Technik, Vertrauen in die Menschen, die diese Technik bedienen, Vertrauen in Behörden und Aufsichtsorganisationen und Vertrauen in die Politik, richtige Entscheidungen zu treffen.
Meine Damen und Herren,
wahrscheinlich haben wir in der Vergangenheit einen großen Teil der Akzeptanz, die die Kernenergie in den 60er und 70er Jahren besaß, selber verspielt und das Feld unseren Gegnern überlassen.
Die kritischen Hinweise einer zunächst kleinen Gruppe von Kernenergiegegnern wurde nicht ernst genug genommen, weil wir überzeugt waren, dass die Fakten für uns sprächen. Diese kleine Gruppe hat durch engagierten Einsatz, beachtliches Durchhaltevermögen und bewusste Fokussierung auf das unwahrscheinliche aber vorhandene Risiko bei der Nutzung der Kernenergie eine breite Unterstützung für ihre Position in der Bevölkerung erlangt. Dies ist inzwischen so verankert, dass auch weite Kreise der Politik dies mittragen.
Zudem befinden wir uns in einer Phase, in dem durch die Gesellschaft singuläre Ereignisse oder nicht mit den menschlichen Sinnen erfassbare Vorgänge als extremes Risiko eingeschätzt werden. Letzte Woche fand eine Risikokonferenz in London statt, zu der unter der Überschrift "Das Zeitalter der Übertreibungen hat erst begonnen" im Handelsblatt berichtet wurde. Zentrale Aussage war, dass unsere Gesellschaft vom Risiko besessen ist, was auf allgemeine Unsicherheit zurückzuführen ist. Der Risikoforscher Prof. Furedi erklärte: "Jede Gesellschaft hat ihre Risiken. Heute werden jedoch mehr Dinge als Risiko interpretiert als früher. Die Spirale der Übertreibungen dreht sich dabei immer schneller."
Dies, meine Damen und Herren, macht es natürlich all denen einfach, die mit dem Verweis auf bestehende Risiken - und seien sie in ihren Auswirkungen noch so unwahrscheinlich - Meinungsmache betreiben. Auf die Frage, was die Gesellschaft tun könne, um sich gegen derartige Übertreibungen zu wappnen, antwortet Prof. Furedi: "Die Firmen müssen stärker in die Offensive gehen und mit den Verbrauchern reden. Sie müssen erklären, was ihnen Angst macht. Versicherungen dürfen sich nicht zurückziehen, sondern müssen ein Mittel finden, gemeinsam Risiken zu tragen. Und Politiker dürfen nicht überreagieren. Sie müssen den Menschen erklären, dass Risiken zum Leben dazu gehören."
Meine Damen und Herren,
dies ist unser Auftrag und der Weg, Akzeptanz zu erreichen. Die Verbindung zwischen Fakten und Vertrauensvermittlung.
Wir müssen mit gleicher Ausdauer, gleichem Ehrgeiz und öffentlichem Engagement für die Kernenergie eintreten, wie dies über Jahre die kleine Gruppe der Kernkraftgegner getan hat. Dies ist ein langer und schwieriger Prozess, der nicht zuletzt von dem individuellen Einsatz jedes Einzelnen abhängt.
Die bereits angesprochene Risikowahrnehmung können wir nur positiv verändern, indem wir durch einen langjährigen, sicheren Betrieb unserer Anlagen den Nachweis erbringen, dass die Nutzung der Kernenergie verantwortbar ist. Akzeptanz werden wir deshalb erreichen und erhalten, wenn wir glaubhaft vertreten können, dass größtmögliche Sicherheit die oberste Priorität bei den Anlagen darstellt. Also Sicherheit immer vor Wirtschaftlichkeit geht. Dies ist unser Beitrag, Vertrauen in die Bevölkerung zu schaffen. Jüngstes Beispiel war die richtige Entscheidung, Biblis A nicht wieder anzufahren, bis die Unstimmigkeiten geklärt sind, auch wenn nachweislich zu keinem Zeitpunkt ein Sicherheitsdefizit bestand.
Meine Damen und Herren,
Sicherheit ist in der kerntechnischen Industrie anerkannte und praktizierte Vorgehensweise. Es ist unsere Aufgabe diese Tatsachen bekannt zu machen. Und mit uns meine ich nicht nur die Industrie- oder Wirtschaftsverbände oder einzelne in verantwortungsvollen Positionen stehenden Personen oder gar als anonyme Großorganisationen wie die Unternehmen. Nein, meine Damen und Herren, damit meine ich jeden einzelnen von ihnen.
Verbands- und Wirtschaftsvertreter haben auf Grund der Interessenlage eine limitierte Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung, auch wenn sie auf die richtigen und realen Sachzusammenhänge hinweisen. Die großen Unternehmen tragen mit Hochglanzbroschüren und Werbeaktionen nur bedingt zur Steigerung der Glaubwürdigkeit bei, teilweise erreichen sie sogar damit das Gegenteil. Zudem können die Unternehmen heute nicht mehr beliebige Summen für Kernenergiekampagnen zur Verfügung stellen.
Entscheidend ist, dass Sie, meine Damen und Herren, als Multiplikatoren glaubwürdig die Position der Kernenergie in der Öffentlichkeit vertreten. Würde jeder Teilnehmer dieser Tagung im Jahr zwei Leserbriefe schreiben, so würde die Summe von 2.000 bei den Redaktionen eingehenden Briefen mit einem klaren Bekenntnis zur Kernenergie weit mehr bringen, als die so oft geforderte Anzeigen- und Kampagnenschaltung der Energieversorgungsunternehmen.
Und, meine Damen und Herren, fühlen sie sich ruhig persönlich von mir angesprochen und schieben sie bitte nicht die Aufforderung mit Blick an die Junge Generation weiter, die sich vermeintlich noch mehr für die Kernenergie einsetzen muss, um die Option für die zukünftige Nutzung zu erhalten. Auf die Bemühungen der Jungen Generation komme ich noch zurück. Entscheidend ist aber ihr Engagement und dass es ihnen gelingt, Freunde und Bekannte, aber auch Entscheidungsträger im öffentlichen und politischen Leben von der Sache zu überzeugen und Vertrauen zu schaffen.
3. Akzeptanz der politischen Situation und Vorgaben in Deutschland
Meine Damen und Herren,
wenn ich vorhin von der Notwendigkeit wahrer Fakten sowie transparenten und nachvollziehbaren Entscheidungen sprach, so gilt dies für alle Bereiche in Industrie und öffentlichem wie privatem Leben. Insbesondere muss es aber auch für die Politik gelten. Wenn nicht, ist das Ergebnis Politikverdrossenheit und Desinteresse an Staat und Gesellschaft, wie wir es heute teilweise erleben.
Genau aus diesem Grund macht es sich die Politik mit vermeintlich einfachen Lösungen für komplexe Probleme zu einfach. Bezogen auf die Energiepolitik heißt dies, die Beendigung der Kernenergienutzung und der massiv subventionierte Ausbau der erneuerbaren Energien ist keine Antwort auf die vor uns liegenden energiewirtschaftlichen Herausforderungen. Diese zunächst einfache Lösung wird auf Dauer nicht von der Bevölkerung akzeptiert werden. Auch die steigenden Strompreise und die Belastungen der Ökosteuer finden bei der Bevölkerung keine Akzeptanz mehr. Eine aktuelle Studie der VDEW belegt, dass 70% der wahlberechtigten Bundesbürger eine Steuer zur Senkung des Energieverbrauchs ablehnen.
Meine Damen und Herren,
Energiepolitik ist auch Standortpolitik. Angesichts von 4,5 Mill. Arbeitslosen, einer zunehmenden Anzahl von Standortverlagerungen, insbesondere im Bereich der Großindustrie, ständig steigenden staatlichen Belastungen muss die derzeitige Energiepolitik kritisch hinterfragt werden.
Solange keine wirtschaftlich und ökologisch gleichwertigen Alternativen zur Kernenergienutzung vorhanden sind, solange, meine Damen und Herren, können wir aus Verantwortung für unser Land und seine Zukunft nicht nachlassen, die Ausstiegspolitik der Bundesregierung als das anzuprangern was sie ist: widersprüchlich, unwirtschaftlich, unökologisch und zukunftsverhindernd.
Die internationale Energieagentur IEA hat Anfang des Jahres einen Prüfungsbericht der deutschen Energiepolitik vorgelegt und Empfehlungen ausgesprochen. So stellt sie die energie- und umweltpolitischen Ziele der Bundesregierung höflich umschrieben als sehr ambitioniert dar. Zentraler Diskussionspunkt war die Herausforderung, die hochgesteckten Klimaschutzziele bei gleichzeitig angestrebtem Ausstieg aus der Kernenergie zu erreichen. Die mit dieser Zielsetzung verbundenen energiepolitischen Maßnahmen werden nach Auffassung IEA "aller Voraussicht nach erhebliche Kosten verursachen und auch andere Konsequenzen haben". Der Bundesregierung wurde empfohlen, umfangreiche Studien zu möglichen Auswirkungen dieser Politik durchzuführen und hierüber Wirtschaft und Öffentlichkeit zu informieren. Darüber hinaus sieht die IEA die Politik in der Pflicht zu klären, wie im Zuge eines Kernenergieausstiegs die Versorgungssicherheit gewährleistet werden soll.
Meine Damen und Herren,
auf diese Zusammenhänge weist das Deutsche Atomforum seit längerer Zeit hin. Es bleibt zu hoffen, dass durch den Anstoß von außen die Argumente noch gewichtiger werden. Die Lösung liegt unseres Erachtens in dem Erhalt eines ausgewogenen Energiemixes, der die Nutzung der Kernenergie als Teil der Lösung der bestehenden energie- und umweltpolitischen Herausforderungen mit einschließt. Wir brauchen ein konsistentes Energiekonzept. Dies scheint in noch weitere Ferne gerückt, nachdem die Verantwortung für die Energiepolitik auf zwei Ressorts verteilt wurde.
Weiterhin ist es nicht ehrlich, der Bevölkerung weis machen zu wollen, die Kernenergie ließe sich ohne weitere Probleme innerhalb weniger Jahre durch erneuerbare Energien komplett substituieren. So ist es schlimm genug, dass von Vertretern des Umweltministeriums darauf hingewiesen wird, dass ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland durch die Förderung erneuerbarer Energien jährlich nur mit etwa 8 ? belastet wird. Noch schlimmer sind jedoch Behauptungen von grünen Spitzenpolitikern, dass damit gleichzeitig Umwelt- und Gesundheitsschäden in Höhe von 65 ? vermieden würden. Dies, meine Damen und Herren, lässt eine entsprechende Seriosität, auf Seiten der Politik vermissen und findet deshalb auch nicht unsere Akzeptanz.
Aussagen aus dem gleichen Lager zeigen weiterhin, dass sich diese Politik nicht nur gegen die Kernenergie wendet, sondern bestehende Versorgungsstrukturen angreift. Die Behauptung, dass Kernkraftwerke schwerfällig seien, da sie nur Grundlast produzieren und nicht flexibel auf Angebot und Nachfrage reagieren können, unterstreicht dies deutlich. Die Frage scheint daher nicht zu sein, ob eine Energieversorgung ohne Kernenergie möglich ist, sondern ob Deutschland Industriestandort bleiben soll oder nicht.
Fakt ist, dass im Jahr 2002 wieder 5 deutsche KKW unter den TOP 10 bei den Produktionsergebnissen zu finden waren, die Kernenergie weiterhin das Rückgrad des "Noch-Industriestandortes" Deutschland ist und der Anteil der Kernenergie weltweit ansteigt und Europa der Kontinent mit den meisten Kernkraftwerken ist.
Fakt ist aber auch, dass der Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland im letzten Jahr hingegen nur 8 % betrug. Dabei entfallen über 50 % auf die Wasserkraft, die bereits schon vor der Förderungswelle der Erneuerbaren in diesem Umfang genutzt wurde. Das Subventionsaufkommen für erneuerbare Energien hingegen betrug bereits im Jahre 2003 rd. 2,8 Mrd. ?. Dabei entfielen rund die Hälfte auf die Windenergie und Tendenz stark steigend. Im Jahr 2008 wird ein jährliches Fördervolumen von 5 Mrd. ? erreicht sein. Der Aufbau neuer Kapazitäten wird dabei immer kostspieliger und stößt sowohl an ökonomische als auch ökologische Grenzen.
4. Trends in Europa und Nordamerika
Meine Damen und Herren,
es sei die Frage erlaubt, wieso die derzeitige deutsche Politik für sich in Anspruch nimmt, vermeintlich klüger zu sein, als andere Staaten Europas oder auch in der Welt. Dazu einige Beispiele:
Unser Nachbarland Schweiz kann 60% seines Stroms aus Wasserkraft decken. Ein weiterer Ausbau wird jetzt in erster Linie von Umweltschützern gestoppt. Die anderen 40% stammen aus Kernenergie. Auch die Schweiz hat öffentlich über die weitere Nutzung der Kernenergie diskutiert und sich letzten Sonntag mit breiter Mehrheit für eine weitere Nutzung entschieden. Auch die Initiativen zu einem Moratorium für den Neubau wurden abgelehnt. Selbst in einem Land mit für die Nutzung von regenerativer Erzeugung wesentlich günstigeren geographischen Voraussetzungen, wird die Nutzung der Kernkraft als Notwendigkeit angesehen.
Die jüngste Entwicklung in Skandinavien, insbesondere während des kalten Winters mit extrem hohen Strompreisen, deutet auch auf die weitere Nutzung der Kernkraft hin. Schweden hat jedenfalls die schon vereinbarte Schließung des Reaktors Bärsebäck 2 erst einmal aufgeschoben.
Lange Zeit galt Dänemark als Musterstaat für den Einsatz von Windenergie und Kraftwärmekopplung. Seit auch dort ökonomische Grenzen durch den Ausbau überschritten wurden, greift man wieder auf Grund mangelnder Alternativen auf die Nutzung konventioneller, fossiler Energien zurück. Dabei ist heute schon klar, dass Kyotoziele nicht eingehalten werden.
In Frankreich ist die Nutzung der Kerntechnik weiterhin unumstritten und so hat in erster Linie der stagnierende Stromverbrauch in den letzten Jahren keine Neubauprojekte erfordert. Jedoch wird mit einer Bauentscheidung für den ersten EPR gegen Ende des Jahres, spätestens jedoch im Jahre 2004 gerechnet.
Das kernenergiefreie Italien denkt in Form seines dem Staate nahestehenden Großkonzerns ENEL darüber nach, Kernkraftwerkskapazitäten in Frankreich zu erwerben. Alle übrigen Staaten in Europa, insbesondere auch die Beitrittskandidaten, wollen ihren derzeitigen Status zumindest beibehalten.
Nein, meine Damen und Herren, ich wollte Belgien nicht unter den Tisch fallen lassen. Aber erstens hat man sich auf eine Laufzeit von 40 Jahren verständigt und bei veränderten wirtschaftlichen oder klimapolitischen Erfordernissen ist eine weitere Nutzung der Kernenergie jederzeit möglich.
Bemerkenswert sind die Entwicklungen in unserem diesjährigen Partnerland Großbritannien. Das mit Spannung erwartete kürzlich vorgelegte Weißbuch der Regierung zu einem zukünftigen Energieprogramm war leider enttäuschend wenig konkret. Das Weißbuch enthält als zentrales Element die visionäre Vorgabe, die CO2 Emissionen bis 2050 um 60 % zu senken. Als Kernforderung steht die Entwicklung einer emissionsarmen Volkswirtschaft. Die Ausgestaltung und Zielerreichung bliebt jedoch nebulös, abgesehen von der Forderung, die Nutzung der Kohle zu reduzieren, wenn möglich auf Kernenergie zu verzichten und die Versorgungssicherheit trotz steigender Energieimporte aufrechtzuerhalten. Die IEA kann ihre Empfehlungen für Deutschland wohl direkt an die britische Regierung weiterleiten.
Eine passende Antwort darauf gab das Wissenschafts- und Technologiekomitee des britischen Parlaments. Es machte deutlich, dass man sich zukünftig bei der Erforschung umweltverträglicher Energien, fokussieren sollte. Für Großbritannien bedeutet dies Offshore-Technologien, wie Wind-, Wellen- und Gezeitenkraft im Bereich der erneuerbaren Energien einerseits, Kernspaltung und -fusion andererseits. Der Ausschuss positionierte sich eindeutig und forderte, dass die Kernspaltung den vollen Status einer CO2-freien und damit akzeptierten Technologie erhalten soll. Erneuerbare Quellen würden nicht schnell genug die entstehende Versorgungslücke auffüllen können, so dass Kerntechnik diese Aufgabe übernehmen muss. Die Haltung der Regierung, erst später über die weitere Nutzung der Kerntechnik zu entscheiden, wird Großbritannien mit Versorgungsengpässen konfrontieren, die nur mit fossilen Quellen aufgefangen werden können.
Meine Damen und Herren,
der Aussage des britischen Wissenschaftsausschusses können wir uns nur anschließen, und sie gilt in gleichem Maße für Deutschland. Wie ambitionierte Klimaschutzziele insbesondere mit einer weiteren Pönalisierung der Nutzung der Kohle einerseits und einer Vernachlässigung der CO2 freien Kernenergie andererseits in Einklang gebracht werden soll, bleibt Geheimnis der Politik, sowohl in England als auch in Deutschland.
Die Industrie braucht jedoch klare und verlässliche Rahmenbedingungen. Wenn schon Europa - und insbesondere Deutschland - eine Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz einnehmen will, so müssen doch einerseits die Lasten auf alle Segmente verteilt und entsprechend gängige marktwirtschaftliche Erkenntnisse die ökonomisch sinnvollsten und technisch machbaren Konzepte zum Zuge kommen. Die Energiewirtschaft kann nicht gleichzeitig den wesentlichen Anteil zur Emissionsreduzierung leisten, gleichzeitig auf die CO2 -freie Kernenergie verzichten, die Kohleverstromung durch den beabsichtigten Handel mit Emissionszertifikaten wirtschaftlich belasten und die Versorgungssicherheit auf gleichem Preisniveau sicherstellen. Klimaschutz ist ein globales Problem. Warum die Politik in Berlin und Brüssel bei der Nutzung von Joint Implementation und Clean Development Mechanismus so zögerlich ist und andere Staaten hier das Feld überlassen will ist angesichts dieser Tatsache unverständlich.
Auch ist es unglücklich, die Verantwortung für konventionelle Technik im BMWA zu haben, während die Vorgaben und Regeln für den nationalen Allokationsplan zur Zuteilung von Emissionsrechten de facto im Umweltministerium vorangetrieben wird. Mit Blick auf die Kernenergie ist es doch absurd, zusätzliche Emissionsrechte voranzutreiben, damit CO2 -freie Stromerzeugung abgeschaltet werden soll.
Meine Damen und Herren,
einen gänzlich anderen Ansatz in Sachen Energie- und Klimapolitik haben die USA gewählt. Frau Bisconti wird sicherlich nachher in ihrem Vortrag auch eine Meinungseinschätzung der amerikanischen Bevölkerung geben. Ich freue mich schon jetzt auf diese Rede. Die USA wurde von vielen kritisiert, weil sie den Klimaschutzverpflichtungen von Kyoto nicht beigetreten sind. Sie haben jedoch einerseits ihre Volkswirtschaft von massiven finanziellen Belastungen geschützt. Andererseits arbeiten die USA ohne viel öffentliches Aufheben konsequent an der Erforschung neuer Kohletechnologien, als auch mit hohem finanziellen Engagement an erneuerbaren Energiequellen. Anstatt mit hohem Subventionsaufwand sich an der Weltmeisterschaft installierter ineffizienter erneuerbarer Energien zu beteiligen, die mit der jetzigen Technologie niemals Aussicht auf Wirtschaftlichkeit haben, wird Steuergeld sinnvoll in die Erforschung potenzieller Alternativen zur Stromerzeug eingesetzt. Alleine im Bereich der erneuerbaren Energien ist das Forschungsbudget 2003 mit einem Gesamtvolumen von mehr als 407 Mio. US $ rund drei Mal so groß wie die Summe aller Mittel des Zukunftsinvestitionsprogramms des BMWA für den gesamten Zeitraum 2002 - 2004. Weiterhin hat das Department of Energy (DOE) Ende letzten Monats eine Ausweitung der nuklearen Forschungsaktivitäten angekündigt. Für alle Felder der Energietechnik gibt es sogenannte Roadmaps, in denen die Entwicklungsziele vorgegeben werden.
Auch die Kerntechnik wird weiter ?beforscht? als Zukunftsoption gesehen. In diesem Zusammenhang ist die Verlängerung der Nutzungsdauer von 40 auf 60 Jahre nur ein konsequenter Schritt.
Auch der zweite große Staat auf dem nordamerikanischen Kontinent - Kanada - setzt weiterhin auf die Kernenergie, obwohl es schon lange Zeit so aussah, als würde sich Kanada von dieser Technologie verabschieden. Noch vor dem Sommer sollen dort zwei Kernkraftwerke in Kanada wieder in Betrieb gehen, um Stromengpässe zu vermeiden. Das weitere Wachstum der Kernkraft in Asien sei hier nur erwähnt, ohne näher darauf einzugehen.
5. Wahrnehmung der Bevölkerung
Warum soll es in Deutschland nicht möglich sein, was auch in anderen Ländern gängige Praxis ist? Ein wesentlicher Punkt hinsichtlich der Akzeptanz ist vielleicht der erschreckend niedrige Informations- und Kenntnisstand der Bevölkerung. Dieses Informationsdefizit kann von politischer Seite leicht für oder wie im Falle Deutschlands gegen die Kernenergie ausgenutzt werden. In diesem Zusammenhang möchte ich kurz auf zwei Umfragen hinweisen, die meines Erachtens eindeutig belegen, wie weit die durchschnittliche Bevölkerung von dem Thema Energieversorgung und Kernenergienutzung im speziellen entfernt ist.
Anfang des Jahres wurden im Rahmen des Eurobarometers Nr. 57 eine Befragung von etwa 16.000 Bürgern ab 15 Jahren in der Europäischen Union durchgeführt. Der Bericht "Energie: Themen, Optionen, Technologien" wurde von der Generaldirektion Forschung in Auftrag gegeben. Unser Blick sei nur auf ein sehr markantes Ergebnis gelenkt.
Meine Damen und Herren,
hier mangelt es am fundamentalen Verständnis über Grundzusammenhänge und Realitäten. Die von uns wahrgenommene Ablehnung der Kerntechnik ist nur die logische Konsequenz dieses geringen Kenntnisstandes. Auch der vielfach beklagte Nachwuchsmangel, insbesondere in technischen Berufen, ist sicherlich zum Teil auf Informationsdefizite zurückzuführen. So wird in der gleichen Eurobarometerstudie ein mangelndes Interesse junger Menschen an einem energiebezogenen Studiengang im EU-Durchschnitt in erster Linie damit begründet, dass für diese Studienfächer nicht genügend geworben wird. An zweiter Stelle wurde genannt, dass diese Studienfächer für die meisten jungen Menschen nicht attraktiv genug seien. In Deutschland kommt noch hinzu, dass die Energiebranche an sich für die meisten Leute nicht attraktiv genug sein.
Meine Damen und Herren,
vor diesem Hintergrund begrüße ich es ausdrücklich, dass es sich die Junge Generation der KTG zur Aufgabe gemacht hat, junge Leute für technische und speziell kerntechnische Berufe und Ausbildungen zu interessieren. Bei dieser Jahrestagung bietet die Junge Generation unter dem Thema "Kernenergiekampus" am gesamten morgigen Tage interessierten jungen Leuten von Schülern über Studenten ein Angebot an Vorträgen, Job- und Praktikumsbörsen, sowie persönlichen Informationsgesprächen an. Ich möchte sie an dieser Stelle ausdrücklich ermuntern: Unterstützen Sie diese Initiative. Gehen Sie zu den Ständen. Sprechen Sie mit den jungen Leuten und setzen Sie sich aktiv für den Nachwuchs innerhalb und außerhalb ihrer Unternehmen und in ihrem privaten Umfeld ein. Sie sichern damit unsere Zukunft.
6. Akzeptanz der Kernenergie muss erreicht werden
Um Akzeptanz für die Nutzung der Kernenergie bemühen sich auch Teile der EU-Kommission. So ist auch das Anliegen von EU-Kommissarin de Palacio hinsichtlich gemeinsamer Sicherheitsstandards für Kernkraftwerke in Europa grundsätzlich zu begrüßen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nationale Regelungen und Verfahren angemessen berücksichtigt und keine zusätzliche administrative Aufsichtsbehörde auf EU-Ebene geschaffen wird. Schlicht weg abzulehnen ist die im Anhang der Richtlinie erhobene Forderung der Überführung von Rückstellungen in separate Fonds, welche mit der Sicherheit nuklearer Anlagen nicht das Geringste zu tun hat. Frau de Palacio ist auch zu unterstützen, wenn sie die unbestritten notwendige Bereitstellung finanzieller Mittel für Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Anlagen von allen EU-Ländern einschließlich der Beitrittsländer verlangt. Die Ausgestaltung selbst muss aber den Ländern überlassen werden, weil die Rahmenbedingungen dafür national zu unterschiedlich sind.
Mit Verweis auf die gehaltenen Referate bei der Wintertagung möchte ich das Thema Nuklearpaket hier nicht weiter ausführen. Grundsätzlich hat sich an der Haltung der Industrie, das Paket in seiner jetzigen Form abzulehnen, nichts verändert. Wir werden aber mit der EU-Kommission und der Politik auf allen beteiligten Ebenen das Gespräch suchen, um dem begrüßenswerten Anliegen eine akzeptable Form zu geben.
7. Fazit und Ausblick
Meine Damen und Herren,
neben der bereits angesprochenen Akzeptanzsteigerung durch jeden Einzelnen gibt es zwei Aufgaben, die wesentlich zur Akzeptanz der Kerntechnik erforderlich sind:
Meine Damen und Herren,
Akzeptanz ist der Schlüssel zum Erfolg. Voraussetzung ist realitätsgerechte und transparente Information, vertrauensbildende und überzeugende Kommunikation und verantwortungsvoller sicherer Betrieb der Anlagen. Alles Dinge, die wir selber in der Hand haben.
Also, wir selber tragen den Schlüssel in der Hand. Lassen Sie ihn uns gemeinsam für die richtige Sache nutzen.
Ich wünsche Ihnen viel Akzeptanz für ihre tägliche Arbeit und Tätigkeit und wünsche der Tagung einen guten Verlauf.